One of Them is a Human

EXHIBITION

One of Them is a Human

7 December 2018 - 9 February 2019

Wenn wir One of Them Is Human betrachten, schauen wir der Zukunft ins Gesicht. Und es ist eine Zukunft, die bereits jetzt präsent ist. Aus diesem Grund sind Maija Tammi's vier fotografische Porträts von drei Androiden und eines möglichen Menschen so beunruhigend. Sie konfrontieren uns mit der Idee, dass die Menschheit möglicherweise kurz vor dem Aussterben steht. Wir sind gezwungen, die posthumane Kalamität, in der wir durch Technologie ersetzbar sind, genau zu betrachten. Letzten Endes zeigt uns die Porträtserie: Eine technologische Einheit hat sich in die menschliche Domäne der Lebensportraits eingearbeitet - und sogar internationale Preise dafür gewonnen, nämlich zwei Auszeichnungen beim weltweit größten Wettbewerb für fotografische Porträtpreise, der von der National Portrait Gallery in London veranstaltet wird.

Die Porträtmalerei widmet sich traditionell der Erfassung und Feier des Lebens in einem Moment ihrer Existenz: eine Momentaufnahme der Zeit - ein menschliches Stillleben. Diese ist in der Idee verwurzelt, den 'Geist in der Schale' einzufangen, wie der Fotografie-Kurator Robert Sobieszek es nannte - die Seele oder Essenz einer Person, hervorgerufen durch ihren Gesichtsausdruck oder die Art des fotografischen Porträts. One of them is Human dreht die Konvention des Porträts auf den Kopf - wie jede große Kunst - indem wir uns selbst und die Konvention in Frage stellen. Was kann man wirklich sehen, wenn das Thema möglicherweise nicht menschlich ist? Ist es von Bedeutung? Und was passiert mit der Idee des Porträts, wenn das Motiv unsterblich ist?

Erica und ihre Freunde widersetzen sich der Körperlichkeit des Menschseins. Sie sind keine Töchter oder Söhne einer biologisch geschaffenen Art. Sie sind stattdessen zeitlos und für immer synthetische Wesen - außer vielleicht einer von ihnen. Ihre bloße Existenz durchbricht die Linearität der Zeit, während sie gleichzeitig durch ihre unheimliche körperliche Ähnlichkeit mit uns Verwandtschaft hervorrufen. Der Androide in jedem Porträt ist zum Spiegel der eigenen Seele des menschlichen Betrachters geworden: der Raum, in den wir unsere Hoffnungen, unsere Ängste, unsere Wünsche und Träume projizieren.

In einem seltsamen Prozess der doppelten Umkehrung wird der Betrachter zu einem sich selbst komponierenden Porträt- und Porträtisten, indem er diese Porträts der möglicherweise vor uns liegenden Androiden - unser technisches Anderes - sieht, fühlt und reflektiert. Ein immaterielles Selbstporträt setzt sich auf der unsichtbaren Leinwand unseres eigenen Bewusstseins zusammen, das der Androide nicht erreichen kann und die das Wesentliche dessen ist, was es ist, ein Mensch zu sein. Jedenfalls denken wir das.

Laut dem Historiker Yuval Noah Harrari, dem Autor des Bestsellers Homo Deus: A Brief History of Tomorrow, ist das menschliche Bewusstsein die Fähigkeit, Dinge wie Schmerz, Freude, Liebe und Ärger zu fühlen. Er sagt, dass künstliche Intelligenz in der Lage sein wird, emotionale Intelligenz zu erlangen und menschliche Emotionen besser zu verstehen als wir. Darüber hinaus prognostiziert er, dass Intelligenz und nicht Bewusstsein zum endgültigen Herrscher einer neuen Weltordnung wird, in der Technologie, Daten und Algorithmen herrschen. Die Menschheit wird von ihrer Sicht, sich aufgrund ihrer Bewusstseinskraft im Zentrum der Existenz zu befinden, entthront, da diese nicht mehr das selbst bestimmende Maß für Leben und Existenz sein wird. Das Anthropozän wird tot sein.

Es gibt jedoch auch andere Theorien über Mensch und Technik, die auch die Art und Weise verändern, in der wir das Menschsein definieren. Diese Visionen sind inklusiver und bringen Technologie und Mensch nicht in einen Kampf um die Vorherrschaft, sondern suggerieren eine Intra-Verbindung. Bruno Latour sagt: "Unsere Sünde ist nicht, dass wir Technologien geschaffen haben, sondern dass wir es versäumt haben, sie zu lieben und zu pflegen."1 Technologie wird schließlich von der Menschheit geschaffen und ist daher eine Erweiterung des Bewusstseins - eine weitere Erklärung dafür, warum sich die Betrachtung Maija Tammi's Fotografien so unheimlich und beunruhigend anfühlt. Die Androiden sind demnach in gewisser Weise menschlich, da sie eine Erweiterung von uns sind.

Die Theoretikerin Rosi Braidotti geht noch einen Schritt weiter. Sie schlägt mit den anderen Theoretikern Karen Barad und Donna Haraway eine transversale Zugehörigkeit zwischen allem vor, was existiert. Wir sind doch alle gleich - ob Fels, Stein, Mensch oder Baum. Die empfindungsfähigen und empfindungslosen Wesen, die Lebenden und die Toten, die technologischen und menschlichen Wesen sind durch die Tatsache, dass wir gesehen werden können und aus Materie bestehen, alle miteinander verbunden. Wir bestehen alle aus Sternen - zu jenem Zeitpunkt vor 10,7 Milliarden Jahren, als Materie entstand. Die Androiden sind immerhin unsere Verwandten. Und wir, ihre. Alles, was existiert, sind wir.

Text: Ariane Koek
Creative Producer and Curator in Arts, Science and Technology
Curator of Entangle: Physics and the Artistic Imagination Bildmuseet, Umea, Sweden

Übersetzung: Julia Kaiser

1. Bruno Latour ‘Love Your Monsters’ in The Breakthrough Journal Spring 2012


EXHIBITED ARTISTS

Maija Tammi

EXHIBITED WORK